Neurologie & Psychiatrie
Muskelschmerzen und -erkrankungen: Diagnose
Muskelschmerzen
Definition
Myalgien sind ein häufiges, oft uncharakteristisches Symptom verschiedenster Erkrankungen.
Sehr häufig Begleitsymptom auch trivialer Virusinfekte, wie z. B. Influenza, virusbedingte Enteritis usw. In der Mehrzahl der Fälle wahrscheinlich durch eine direkte Virusinvasion in die Muskulatur bedingt.
Infektionskrankheiten
Bei einigen Infektionskrankheiten sind Muskelschmerzen eines der führenden Symptome, z. B. bei
Poliomyelitis anterior oder epidemica (Heine-Medin-Krankheit), spinale Kinderlähmung
Symptome
Beim paralytischen Typ kommt es 5–10 Tage nach dem ersten Stadium, das mit uncharakteristischen Beschwerden einhergeht, erneut zu Fieber, meningitischen Zeichen und Lähmungen. Danach folgen häufig heftige, teils krampfartige Muskelschmerzen
Leptospirosen
Symptome
Biphasischer Verlauf, initial oft Kopfschmerz, starke Muskelschmerzen mit erheblicher Druckschmerzhaftigkeit der Muskulatur. Maximum der Muskelschmerzen häufig in den Oberschenkeln und in der Lumbalregion, begleitet von extremer Hyperästhesie und Konjunktivitis
Tetanus (siehe dort)
Symptome
In der Regel schmerzhafte Reflexspasmen der Muskulatur schon in der Initialphase
Myalgia epidemica
(Syn.: Bornholm-Krankheit, Devil's grip, Pleurodynie)
Erreger: Coxsackie-B-Virus
Symptome
Muskel-, Pleura-, Abdominalschmerzen (verstärkt durch Bewegung, Atmen, Husten u. a.), ausstrahlend in die Schultern, in den Nacken und die Schulterblattregion. Schmerzen und Spasmen der vorderen Bauchmuskulatur (in über 50 % der Fälle; Dauer 3–7 Tage). Rezidive (bei Myositis) kommen vor
Myositis
Infektion durch Echoviren
Rattenbiss-Fieber (Sodoku)
Symptome
Bei Infektion mit Streptobacillus moniliformis Muskelschmerzen neben Fieber und Kopfschmerzen oft erstes Symptom
Fleckfieber
Symptome
Ausgesprochene Schmerzhaftigkeit der Muskulatur zu Beginn der Erkrankung
Muskelerkrankungen
Parasitenbefall (siehe Parasitäre Erkrankungen I, II)
Trichinose
Muskelbefall durch Larven der Trichinella spiralis. Muskelinvasion beginnt um das Ende der ersten Woche und kann 6 Wochen dauern
Symptome
Während dieser Zeit Muskelschmerzen, Druckempfindlichkeit und oft auch erhebliche Muskelschwäche
Zystizerkose
Muskelschmerzen durch tote Larven, die eine Fremdkörperreaktion auslösen
Entzündliche Muskelerkrankungen
- Dermatomyositis und Polymyositis (siehe Kollagenosen I)
- Myositis
- Periarteriitis nodosa (in 50 % Myalgien)
- Polymyalgia rheumatica
Leitsymptome sind bilaterale Steifigkeit und Schmerzen der Muskulatur und des periartikulären Gewebes
Häufig Kombination mit Arteriitis temporalis. Hohe Blutsenkung!
Fokale Myositis
Ursache nicht sicher geklärt. Benigne!
Symptome
lokalisierte schmerzhafte Schwellung an einer Extremität
Metabolische Myopathien mit Myalgien
z. B. McArdle-Syndrom
Symptome
Schmerzen kurz nach Belastung beginnend, rasche Rückbildung in Ruhe
- Carnitin- und Carnitin-Palmitin-Mangelsyndrom
Rhabdomyolyse
Myolyse der quergestreiften (Skelett- und Herz-)Muskulatur mit Muskelschwäche und -schmerzen, abgeschwächten Muskeleigenreflexen und Myoglobinurie
Ursachen
Toxisch bedingt (v. a. durch Alkohol, verschiedene Medikamente und Narkotika, auch Heroin), familiäre Disposition (autosomal-dominanter Defekt bekannt); Vorkommen auch im Rahmen einer malignen Hyperthermie, der McArdle-Krankheit oder einer akuten nekrotisierenden Myositis.
Prognose
Unterschiedlich hohe Letalität, abhängig von der Ursache (z. B. bei der alkoholinduzierten Rh. ca. 20 %, bei der durch Inhalationsnarkotika induzierten Rh. 60-70 %. Die Rh. ist eine mögliche Ursache von akutem Nierenversagen.
Paroxysmale Myoglobulinurie
Symptome
Beginn mit muskelkaterähnlichen Beschwerden und sehr schmerzhaften Muskelkontraktionen Stunden nach Belastung
Endokrine Myopathien
Hyperthyreote Myopathie
Symptome
neben Gefühl der Muskelsteifigkeit fakultativ Myalgien
– Hyperparathyreoidismus
Symptome
häufig druckschmerzhafte Muskulatur
Sonstige Myalgien
- Tibialis anterior-Syndrom
Myonekrose von Muskeln der Tibialisloge (Mm. fibul. ant., Mm. extensor digiti und hallucis longus)
Ursachen
vaskulär (Thrombosen, Embolie, Gefäßverschluss), Überlastung, Trauma
Symptome
starker Schmerz prätibial, Rötung, Überwärmung, Schwellung über der Tibialisloge, Parese der o. g. Muskeln, Sensibilitätsstörungen durch Läsion des N. peronaeus prof.
- Myonekrose in der Fibularisloge wesentlich seltener
- Seltene Myonekrosen an der oberen Extremität im Bereich des M. extensor carpi ulnaris sowie des M. interosseus II (s. HOPF)
- Myalgien bei arterieller Verschlusskrankheit (Claudicatio intermittens)
- Medikamenteninduzierte Myalgien bzw. Myopathien, z. B. durch Kortikosteroide, Chloroquin, Clofibrate, orale Kontrazeptiva, Amphotericin B, Carbenoxolon, bestimmte Muskelrelaxanzien, z. B. vom Curaretyp (Narkose!), Eosinophilie-Myalgie-Syndrom nach C-Tryptophan-Therapie
- Nach körperlicher Belastung oder Fehlhaltung
- Chronische Verspannung auch aus psychischer Ursache mit den bekannten, palpablen und teilweise äußerst druckschmerzhaften sog. Myogelosen
Muskelfunktionsstörungen
Myotonie
Verlangsamte Kontraktion bzw. Lösung des kontrahierten Muskels, erkennbar durch Schlag mit Perkussionshammer; Dellen- bzw. Wulstbildung; nach mehreren Bewegungen wird Kontraktion erst normal
Verschiedene Formen
- Myotonia congenita (Thomsen): meist Beginn in der Kindheit (familiär-hereditär)
- Dystrophia myotonica (Curschmann-Steinert): besonders an Unterarmen, Gesicht; auch andere Organe dystrophisch
Myasthenia gravis pseudoparalytica
- Autoimmunerkrankung
- 65 % der Patienten haben eine Thymushyperplasie, 15 % ein Thymom
- Primär in der Thymusdrüse kommt es zur Bildung polyklonaler Antikörper gegen den Azetylcholinrezeptor der polysynaptischen Membran der motorischen Endplatte, welche die neuromuskuläre Blockade induzieren.
Symptome
Abnorme Ermüdbarkeit insbesondere mit Symptomen seitens der äußeren Augenmuskeln (Lider hängen herab!). Häufig auch Störungen beim Kauen, Schlucken und Sprechen. Bei Generalisation auch Extremitätenmuskulatur betroffen, besonders die proximale Muskulatur (Arme, weniger Beine)
Familiäre paroxysmale Lähmung
selten
Progressive Muskeldystrophie
Familiär-hereditär (männl. : weibl. = 5:1); Muskelkraft herabgesetzt, Atrophie äußerlich wegen Muskelersatz durch Fett, Bindegewebe nicht erkennbar; elektrische Erregbarkeit und Sehnenreflexe allmählich nicht mehr auslösbar; Kreatinin im Urin erhöht
Letztes Update:5 März, 2009 - 14:12








